Überall Krise, wo bleibt die Zukunft? Wie man heute das Morgen träumen kann
Schüler:innentagung Junge Politik 2026
Klimakrise, Wirtschaftskrise, Krise der Demokratie, Kriege weltweit: „Für viele [junge Menschen] ist der Dauerkrisenmodus nach wie vor Realität“, sagt Kilian Hampel, Co-Autor der Studie „Jugend in Deutschland 2025“. So sorgen sich beispielsweise 57 Prozent der Befragten um die Inflation in Deutschland und jeweils 48 Prozent nennen den akuten Wohnungsmangel sowie eine mögliche Spaltung der Gesellschaft als zentrale Sorgen. Die Schnelllebigkeit und Informationsflut mit denen Jugendliche im Internet und auf den Sozialen Medien konfrontiert werden, befeuern zusätzlich die Wahrnehmung der Dauerkrisen und verstärken Gefühle der Hoffnungslosigkeit und Erschöpfung. Dies hat zur Folge, dass das Vertrauen in die Politik bröckelt. Viele junge Menschen fühlen sich von Politiker:innen falsch verstanden und haben den Eindruck, dass ihre Sorgen nicht ernst genommen werden.
Vor diesem Hintergrund fand vom 3. bis 5. Februar die Schüler:innentagung „Junge Politik“ 2026 in der Akademie Franz Hitze Haus statt. Die Tagung stand im Zeichen von Austausch, Wissensvermittlung und der Entwicklung von positiven Zukunftsvisionen. Ziel war es, innerhalb der drei Tage Wissen über politische Zusammenhänge zu vermitteln, die Schüler:innen mit konkreten politischen Handlungsräumen und Teilhabemöglichkeiten vertraut zu machen, und ihr Gefühl der Selbstwirksamkeit zu stärken.
Am ersten Tag trafen die Schüler:innen der Jahrgangsstufen 10 bis 11 im Franz Hitze Haus ein. Mareike Ritter (Akademiedozentin und Veranstaltungsleiterin) und Jan Szepetiuk (Teamer) begrüßten die Jugendlichen in einem der Veranstaltungsräume. Da die 15- bis 18-Jährigen von unterschiedlichen Schulen in und rund um Münster angereist waren, fand zunächst ein kurzes Kennenlernen statt, welchem ein kurzweiliger und interaktiver Vortrag von Mareike Ritter über den Krisenbegriff und seine Herkunft folgte. Anschließend öffnete sich die lebendige Diskussionsrunde und die Schüler:innen erzählten, was sie persönlich mit Krisen verbinden, welche aktuellen Krisen sie bewegen und wie sie politische Entscheidungen im Kontext dieser Krisen bewerten. Bereits hier wurde deutlich, was auch schon die Studie „Jugend in Deutschland 2025“ zeigte: Junge Menschen nehmen eine Vielzahl von Krisen war, sind von ihnen betroffen und fühlen sich von ihnen im Alltag belastet. Eine Schülerin berichtete beispielsweise, dass sie die Klimakrise besonders beschäftigt. Sie nehme wahr, dass Politik und Wirtschaft weltweit aus ihrer Sicht nicht entschlossen genug handeln. Vor allem die langfristigen Folgen für Umwelt und Gesellschaft bereiteten ihr Sorgen, und die Frage, wie die Welt aussehen wird, wenn sie selbst erwachsen ist. Ein weiterer Schüler sprach Sorgen an, die viele der Teilnehmenden in den kommenden Jahren unmittelbar betreffen könnten. Viele von ihnen möchten studieren, doch steigende Mieten in Universitätsstädten und der zunehmende Mangel an bezahlbarem Wohnraum lassen diese Pläne unsicher erscheinen.
Um Belastungen und Krisen ein Stück weit entgegenzuwirken, besuchte die Psychologin Barbara Scheel von der Katholische Studierenden- und Hochschulgemeinde Münster die Akademie und klärte in ihrem Workshop darüber auf, was Resilienz auszeichnet und wie sie gerade in Krisenzeiten gestärkt werden kann. Frau Scheel stellte acht Bausteine der Resilienz vor: Akzeptanz, Optimismus, Eigenverantwortung, Selbstwirksamkeit, Lösungsorientierung, Netzwerkorientierung und Zukunftsorientierung. Die Jugendlichen lernten, dass diese Bausteine durchaus aktiv erlernt und trainiert werden können. Zu diesem Zweck gab Frau Scheel ihnen mehrere Übungen für jeden Baustein an die Hand, um im Workshop, aber auch nach Ende der Tagung weiterhin an ihrer Krisenresilienz arbeiten zu können.
Der Abschluss des ersten Tages fand außerhalb der Akademie, im Theater Münster statt. Angela Merl und Esra Dural vom Jungen Theater Münster begrüßten die Schüler:innen im kleinen Theatersaal und leiteten den Workshop mit theatertypischen Aufwärmübungen ein. Nach einer lustigen Runde „Ich packe meinen Koffer“ mit allen Namen der Teilnehmenden, stellten die beiden eine Übung aus einem vergangenen Theaterstück zum Thema Demokratie vor. Es wurden drei Zettel auf dem Boden verteilt mit den Aufschriften „Das liegt in meiner Hand“, „Darauf habe ich einen Einfluss“ und „Das liegt nicht in meiner Hand“. Die Schüler:innen sollten zuerst bereitgestellte Aussagen und anschließend politische Nachrichten auf ihren Social-Media-Kanälen zuordnen. Der Workshop zeigte den Schüler:innen, dass politische Themen und ihre Sorgen auch in kreativen Räumen, wie dem Theater, aufgegriffen und thematisiert werden, und vermittelte eine neue Art der Auseinandersetzung.
Bei schönstem Wetter besuchten die Teilnehmer:innen am nächsten Tag gleich zwei Zukunftsorte. Zuerst ging es zur B-Side, einem soziokulturellen Zentrum und Mitmach-Ort am Hafen. Vorstandsmitglied Tim Többe brachte den Schüler:innen in seiner Führung die gelebte partizipative Stadtentwicklung und kollektive Selbstverwaltung nahe. 2015 drohte dem alten Hill-Speicher, welcher schon zuvor ein wichtiger Teil der Münsteraner Kunst- und Kulturszene war, die Privatisierung. Durch starkes zivilgesellschaftliches Engagement und erfolgreiche Kampagnen der Stadtteilbewohner:innen und Ehrenamtlichen, stimmte der Stadtrat 2016 jedoch zu, die weitere Planung mit der B-Side und dem Ruderverein, welcher mittlerweile das Erdgeschoss des Hill-Speichers bezogen hat, weiterzuführen. Nach umfangreichen Renovierungsarbeiten konnte die B-Side 2024 eröffnet werden. Die Schüler:innen zeigten sich sehr beeindruckt von der B-Side, welche als Beispiel dafür steht, wie viel durch zivilgesellschaftliches Engagement erreicht werden kann und welche konkreten politischen Handlungsräume sich eröffnen können.
Am Nachmittag besuchte die Gruppe den zweiten Zukunftsort des Tages – das REACH – EUREGIO Start-Up Center. Das Center unterstützt Studierende und Wissenschaftler:innen dabei, ihre Gründungsideen umzusetzen, bietet Coachings an und stellt Kontakt zu Netzwerken her. Christian Wiencierz, Geschäftsführer des Start-Up Centers, gab eine kurze Einführung in die Arbeit von REACH – EUREGIO und erklärte den Schüler:innen die Bedeutung von Innovationen und warum es Start-Ups braucht, um beispielsweise den Sustainable Development Goals der UN näher zu kommen. Nach dem Vortrag stellte sich ein junger Gründer vor. Das Interesse der Schüler:innen war in der Q&A Session deutlich zu erkennen anhand der Flut an Fragen, die plötzlich den Raum füllten. Nachdem die erste Neugier befriedigt war, bastelten die Schüler:innen an ihren eigenen Business-Ideen und stellten der Runde zum Abschluss ihre Pitches vor. Auf der Rückfahrt lebten die vielen Eindrücke des Tages noch einmal in begeisterten Gesprächen auf.
Zurück in der Akademie überlegten die Schüler:innen, was für Probleme sie in ihrem Alltag in Münster wahrnehmen und welche Lösungsansätze möglich wären. Schnell wurde klar, dass die Schüler:innen ähnliche Herausforderungen erkannten und es bildeten sich kleinere Cluster-Gruppen, um besagte Probleme in Angriff zu nehmen.
Am nächsten Tag wurden die finalen Ideen auf Plakaten festgehalten und in einer Zukunftswerkstatt drei Vertreter:innen des Stadtrats präsentiert. Die Schüler:innen stellten ihre Ideen zur Optimierung von ÖPNV, Sicherheit und Stadtteilbegrünung vor. Tanja Andor (SPD), Andreas Bracht (CDU) und Marie Diekmann (Grüne) stellten sich anschließend den Fragen der Schüler:innen und gaben einen Einblick in die Chancen und Herausforderungen, die sich bei aktiver Teilhabe im Stadtrat ergeben. Beide Seiten konnten viele neue Erkenntnisse mit aus den Diskussionen nehmen. Die Politiker:innen ermutigten die Schüler:innen, sich zu engagieren und politische Handlungsräume und Teilhabemöglichkeiten aktiv zu nutzen.
Im Anschluss war nochmals die Kreativität der Gruppe gefragt: Doris Reich führte die Schüler:innen durch einen interaktiven Journaling-Workshop in dem die Schüler:innen in praktischen Übungen Selbstreflexion übten und Zukunftsvisionen von ihrem Leben in 10 Jahren erschufen. Der Gestaltung war, Dank der zahlreichen Buntstifte und verschiedenstem Washi-Tape, keine Grenzen gesetzt.
Die Tagung endete mit einer kurzen Feedback Runde und einer „warmen Dusche“, bei der sich die Schüler:innen gegenseitig kurze positive Nachrichten und Wünsche für die Zukunft in ihre Notizbücher schrieben.
Für Momente, in denen Krisen überwältigend wirken oder Zweifel an der Zukunft wachsen, nehmen die Schüler:innen konkrete Strategien aus der Tagung mit, um reflektiert und handlungsfähig zu bleiben. Denn die drei gemeinsamen Tage haben deutlich gemacht, dass kreative Ideen, Engagement und Diskursbereitschaft konkrete Wege eröffnen, die eigene Heimat aktiv mitzugestalten und Zukunftsorte lebendig werden zu lassen.
Text: Melina Reuss
Fotos: Anne Mareike Ritter und Melina Reuss