The Zone of Interest – Familie Höß in Auschwitz. Film und Gespräch
The Zone of Interest – Familie Höß in Auschwitz
Film und Gespräch
Nie wird gezeigt, was im Lager geschieht, und doch ist das Grauen allgegenwärtig. Es wummert, faucht, zischt und knallt: Geräusche des Vernichtungslagers Auschwitz. Der Lagerkommandant Rudolf Höß lebt mit seiner Familie in unmittelbarer Nähe, nur durch eine Gartenmauer getrennt.
Die Sperrzone um das Konzentrationslager herum nannten die Nationalsozialisten Interessengebiet. Dieser Begriff gab dem Film und dem Roman von Martin Amis, an dem sich der britische Regisseur Jonathan Glazer orientierte, seinen Namen The Zone of Interest.
Der mit zwei Oscars ausgezeichnete Film schlägt ein neues Kapitel in der Erinnerungskultur auf. Aus der Perspektive der Täter:innen zeigt er, wie sie bürgerlich-idyllisch leben und jegliches Gefühl für das absolute Grauen, das sich vor ihren Augen und in ihrer Verantwortlichkeit abspielt, vermissen lassen.
Am 3. November 2025 zeigten wir in der Akademie Franz Hitze Haus Ausschnitte aus The Zone of Interest und kamen mit 25 Teilnehmer:innen ins Gespräch.
Alltag
Eine 30-minütige Filmpassage eröffnete den Abend, um sich mit der besonderen Erzählweise vertraut zu machen. Der Lebensalltag von Rudolf und Hedwig Höß, ihren fünf Kindern und jüdischen Hausangestellten wird in langsamer Kameraführung gezeigt. Die Gespräche sind unwichtig, im Vordergrund steht das Hören der Fabrikgeräusche, der Rufe der KZ-Inhaftierten
….
Das Familienleben wird anhand trivialer Alltagssituationen entfaltet: Mahlzeiten, Gartenarbeit, Ausflüge, Planschen im Pool. Alles verläuft in geordneter Normalität. Belanglos reihen sich Szenen aneinander.
Alltag, Menschen, die nichts bemerken und doch um alles wissen, was sich hinter der Gartenmauer verbirgt. Die Akustik prägt die eigne Wahrnehmung: Man hört, was man nicht sehen will – das Grauen der Vernichtung.
Der Film verzichtet auf Bilder der Gewalt, er zeigt keine hasserfüllten Menschen. Wir wissen um die Tötungsmaschinerie in Auschwitz. Eine effektive Mechanik prägt auch den Alltag der Familie des Lagerkommandanten. Beklemmend ist das – den Film prägende – moralische Vakuum.
Schuld – Reinigung
Der Missbrauch eines weiblichen Häftlings wird subtil angedeutet – Gewissheit gibt uns der Gang Rudolf Höß‘ in den Keller. Dort wäscht er, ganz in weiß gekleidet, seine Genitalien. Auch diese Szene folgt eine sich wiederholenden Ritual. Die weißen Handtücher werden fein sortiert und in einer Schublade verstaut.
In einer eindrücklichen Szene badet die Familie im Gewässer der Sola: Ein Gebiss, Leichenreste treiben vorbei. Asche färbt das Wasser schwarz. Panisch werden die Kinder aus dem Fluss gezerrt, zu Hause wird geschrubbt und gebürstet. Reinheit als verzweifelte Abwehr des andrängenden Grauens?
Unsichtbar
Die jüdischen Angestellten huschen fast unsichtbar durch das Haus, von Familie und Gästen nicht wahrgenommen. Ihre Körperlichkeit drückt Angst, auf der Hut sein, keinen Anstoß erregen wollen aus. Ihre Gesichter bleiben unbewegt, ohne Mimik, ohne Emotion. Auch die Opfer wirken seelenlos, entmenschlicht.
Kein Psychogramm
Drängend ist der Wunsch, kleine Zeichen emotionaler Empfänglichkeit zu sehen. Doch diese bleiben aus. Die Kamera hält Distanz, die Tonspur bleibt in Mono. Unmöglich ist es, sich mit den Protagonist:innen zu identifizieren. Die formale Kälte zwingt die Zuschauenden in eine beobachtende Rolle. Dieses Erleben ist verstörend, bleibt doch das hörbare und moralisch allgegenwärtige Verbrechen präsent.
Ratlosigkeit bleibt zurück. Der aus einer jüdischen Familie stammende Brite Glazer verzichtet konsequent darauf, Rudolf und Hedwig Höß als Menschen erkunden zu wollen. Er verweigert jede psychologische Erklärung für ihr Handelns. Christian Friedel und Sandra Hüller meistern diese schwierige Aufgabe: Wir sehen Körper im Paradies während jenseits des Zauns die Hölle lodert.
Verantwortung
Am Ende führt Glazer die Zuschauer:innen in einer längeren, dokumentarischen Sequenz in die heutige Gedenkstätte und weist ihnen wiederum die Beobachtungsrolle zu. Langsam folgt die Kamera Reinigungstrupps in den Ausstellungsräumen und am Verbrennungsofen. Das Erinnern in Auschwitz bleibt von einer gewissen Trivialität des Alltäglichen nicht unberührt: Die Gleichzeitigkeit von effektivem Alltagshandeln und erinnertem Grauen der Vernichtung holt die Abwesenheit einer humanen Perspektive in die Gegenwart.
Auch heute beobachten wir Verbrechen, Gräuel, Unmenschlichkeit und müssen uns fragen, wo das eigene Interessengebiet liegt, das vor Empathie für die Leidenden und Verantwortungsübernahme schützt.
Darüber gilt es zu reden, wenn wir The Zone of Interest lesen und hören lernen wollen, in drängender Aktualität von Adornos Imperativ „[...], daß Auschwitz sich nicht wiederhole, nicht Ähnliches geschehe [...].“
Maria Kröger
Dezember 2025