Springen Sie direkt zum Hauptinhalt

nach.gefragt - Stefan Querl

„Achtung und Liebe sind auch denen zu gewähren, die in gesellschaftlichen, politischen oder auch religiösen Fragen anders denken oder handeln als wir. (…) Da alle Menschen nach Gottes Bild geschaffen sind, da sie dieselbe Natur und denselben Ursprung haben, da sie, als von Christus Erlöste, sich derselben göttlichen Berufung und Bestimmung erfreuen, darum muß die grundlegende Gleichheit aller Menschen immer mehr zur Anerkennung gebracht werden.“

 

„Der Mensch schreit nach Gott. Nicht nach einer Wahrheit, sondern nach der Wahrheit. Nicht nach etwas Gutem, sondern nach dem Guten. Nicht nach Antworten, sondern nach der Antwort, die unmittelbar eins ist mit der Frage. Nicht nach Lösungen schreit er, sondern nach Erlösung.“

Diese Ein- und Aussichten des evangelischen Theologen Karl Barth schreien mich als Gedenkstättenleiter in Münster regelrecht an, wenn ich „Gaudium et Spes“ neu lese und mir vergegenwärtige. Eigentlich sogar ständig, wenn ich über Gott und Hoffnung nachdenke. Nicht bloß, weil Barth im 20. Jahrhundert neben Bonn und Basel auch Westfalen als Wirkungsstätte hatte und zu den im Nationalsozialismus verfemten und politisch sehr früh aggressiv verfolgten Professoren zählte. Sondern vor allem, da seine Frage nach Erlösung als Hoffnung hart fordernd gestellt ist. Sie klingt nicht weichgespült, nicht seicht.

„Kleines Senfkorn Hoffnung, mir umsonst geschenkt“, habe ich etwas seichter, aber selig in den 1990ern als protestantischer Teenager in der KJG meiner Heimat im niederrheinischen Teil des Bistums Münster mitgesungen. Als 1988 die „Reichskristallnacht“ sich zum 50. Male jährte, zitierten wir ökumenisch in der Mahnrede Jüdisches: „Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.“ Der Satz war zum Novembergedenken auf eine mit Synagogen-Brand bebilderten Briefmarke der westdeutschen Bundespost aufgedruckt worden. Eine davon hebe ich bis heute auf, obwohl ich gar kein Sammler bin.

Wenn ich in meiner Gegenwart 2025 vor Gruppen problematisiere, dass für die hasserfüllt inszenierten Pogrome des Regimes der Propaganda-Begriff „Kristallnacht“ kontaminiert ist, wenn ich mich als religiöser Mensch frage, ob wir Erlösung im christlich-jüdischen Dialog überhaupt noch so sagen sollten, wenn wir vom NS-Gedenken oder vom Erinnern an die Shoah sprechen, wird mir bewusst, dass wir neu Hoffnung brauchen. Die Ermutigung dazu, in jeder Generation zu reden, hart um Worte und Werte zu ringen: Um Anerkennung von Leid und Elend, von Glaube und Zweifeln. Ein „Schrei nach Gott“ ist mehr als ein Gebet, und auch wer gar nicht erst betet, weil Glaube nicht zu seinem Setting gehört, kann mitgehen und darf verstehen, dass Weltanschauungen noch keine Wahrheit sind. Sie sollen es auch nicht sein: Jede Generation ist jeweils anders gefragt. Das Gute dem nur etwas Guten vorzuziehen, heißt, Zeitgebundenheit zu prüfen in Urteilen, Meinungen, Aggressionen, Ängsten.

Auch im Trost: Genau zu der Morgenstunde am Ostermontag, als in Rom sich die Nachricht vom Tode des Papstes in Windeseile verbreitete, hörten die Besucherinnen und Besucher in der Apostelkirche zu Münster die Predigt im Kantate-Gottesdienst. „Besonders am Christlichen ist doch, dass wir auch für alle anderen etwas erhoffen dürfen“, unterstrich Pfarrer Reinhard Witt mit Vehemenz angesichts finsterer Lagen in der Welt. Missionarisch war das nicht gemeint. Vielmehr ausgesprochen empathisch, und obwohl er zu dem Zeitpunkt noch gar nicht wissen konnte auf der Kanzel, dass Franziskus tot war, passte die Auslegung in die Stimmung der Anteilnahme, die viele später erfüllte. Ich muss nicht römisch-katholisch beten, um mitfühlen zu können, wenn Gläubige um ihr geistliches Oberhaupt trauern. Ich muss auch nicht jüdisch sein, um zu verstehen, wie verbrecherisch der Antisemitismus aus Deutschland in Europa gewütet hat. Ich muss geschichtlich Genozide in Staaten Afrikas, im vermeintlich heute so tiefen „Globalen Süden“, nicht mit dem Holocaust vordergründig vergleichen, um zu erkennen, welchen Qualen oder Entwürdigungen Gruppen, Minderheiten, Ethnien ausgesetzt waren.

Leidenserfahrungen zu hierarchisieren, mag – zum Beispiel im Vergleich von Diktaturen oder im politischen Debattieren um Menschen- und Bürgerrechte oder im Handeln gegen Rassismus – manchmal aussehen wie eine Lösung. Aber es ist nie die Erlösung. Ich gebe deshalb meine Hoffnung nicht auf, dass wir Verständnis aufbringen können: Für alle Andersartigkeiten und für Vielfalt innerhalb der „Spezies Mensch“, aber auch für Anerkennung von Gleichheit, Freiheit und Geschwisterlichkeit, die jeder Person zusteht auf Erden, im Leben und im Sterben: Allen Menschen guten Willens, wie es der Vatikan in Schriften nannte und noch nennt. Die Achtung von Würde ist keine nackte Tatsache, sondern bekleidet mit Verantwortung vor Gott und den Menschen, im Anderen, dem Fremden oder noch so Fernen, alle(s) zu erkennen: Gutes.

Das ist der Schrei nach Gott, wenn wir es denn so nennen möchten: Erlösung gegen Elendiges, gegen gefährliche Fliehkräfte, die uns an die Ränder zu drängen versuchen, die Gemeinwesen aufmischen wie bei Wildfraß von den berühmt-berüchtigten biblischen Keilern und Säuen im Garten des Herrn, die in unserer realen Welt auch Trumpeltiere oder Plagen Putins sein können. Doch wir sind viele, wir sind mehr: Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung, die komplizierter ist als nur Klimaschutz (es geht auch um gesellschaftliches Klima!) stehen als Größen und Herausforderung gegen Destruktivität und Hoffnungslosigkeit, die klaren Köpfen nur die Kraft rauben. Erlöst zu sein, das bedeutet Hoffnung, konkret immer Haltung und Handlung: Nicht verdammt dazu zu sein, Recht, Toleranz, Teilhabe, Schutz, Nachhaltigkeit, Daseinsvorsorge implodieren zu lassen. Nicht die Welt aus den Angeln zu heben. Nicht Geschichte zu wiederholen. Das müssen, wollen und können wir gar nicht. Wir sind erlöst und frei, jederzeit Verantwortung zu übernehmen. Gut ist, „Gaudium et Spes“ dafür neu zu lesen, denn für unsere Konfessionen (und sicher auch für andere Religionen und Denkschulen) gilt das Vermächtnis, das uns der verstorbene Papst Franziskus in gütiger Gottes-, Nächsten- und Feindesliebe über seine Autobiografie gab und für die Zukunft schenkt. Bedenken wir‘s stetig mit: „Am Ende unserer Tage wird man uns nicht fragen, ob wir gläubig, sondern ob wir glaubwürdig waren.“

 

Stefan Querl leitet den Geschichtsort Villa ten Hompel, die NS-Erinnerungsstätte der Stadt Münster. Er stammt aus einem evangelischen Pfarrhaus am Niederrhein und engagiert sich u.a. sehr in der Ökumene und im christlich-jüdischen Dialog. Für die Region Münsterland ist er der Sprecher des parteiübergreifenden Bündnisses „Gegen Vergessen Für Demokratie“

Bildrechte Porträt: Silvi Kühne