nach.gefragt - Reiner Anselm
„Hochherziger Charakter“ und Hoffnung auf Zukunft – ein protestantischer Beitrag zur Bildungsfrage
„Hochherziger Charakter“. Dieser Formulierung aus Gaudium et spes mutet heute einigermaßen altertümlich und fremd an und kann darum leicht auf eine falsche Fährte führen, wenn es über das Ziel christlicher Bildung nachzudenken gilt. Zu schnell stellen sich Assoziationen ein, die eher an konservative Sittlichkeitsideale denken lassen denn an eine zeitgemäße Unterstützung auf dem Weg zu verantwortungsbereiten, über Gemeinsinn verfügenden Bürgerinnen und Bürgern. Verbindet man aber das hier formulierte Bildungsziel mit dem Konzept eines „öffentlichen Protestantismus“, also der spezifischen Form von Verantwortungsübernahme für das Gemeinwesen, die sich aus dem evangelischen Glauben ergibt, dann gewinnt die Formel von dem „hochherzigen Charakter“ eine andere Kontur. Öffentlicher Protestantismus gewinnt sein Profil in der ethischen Auslegung des Spezifikums des christlichen Gottesglaubens, nämlich den Glauben an den dreieinigen Gott als Schöpfer, Versöhner und Erlöser. Gemeinsam bringen diese drei Dimensionen das charakteristische Weltverhältnis des Glaubens zur Geltung: Es bedingt zunächst die Wahrnehmung des Gegebenen als den Raum, in dem sich christliche Lebensführung und Weltverantwortung ereignet. Weltflucht und Weltverneinung sind mit dem Glauben an Gott den Schöpfer unvereinbar – ebenso übrigens wie das Erheben des Geschaffenen in den Stand des Göttlichen und damit die Sakralisierung der Natur. Es motiviert sodann ein Zusammenleben, das sich am Leitbild der Freiheit in der Gemeinschaft orientiert und damit eine freiheitliche, plurale Gesellschaft stützt, ohne der Dominanz des Individualismus das Wort zu reden. Schließlich hält er über den Gedanken des Erlösers die Hoffnung auf das kommende Reich Gottes und damit die Überwindung der Beschränkungen aufrecht, denen wir in dieser Welt ausgesetzt sind. Diese Hoffnung strahlt hinein in unsere Wirklichkeit, wie sie in Jesu Auftreten und Handeln bereits sichtbar geworden ist. Sie motiviert dazu, sich mit dem Vorgefundenen eben nicht abzufinden, sondern es über die eigene Ausrichtung am Ziel des Reiches Gottes mit dem Ziel einer besseren Zukunft zu verändern.
In dieser Perspektive steht „hochherzig“ nicht für eine sentimentale Tugendlehre oder eine moralische Selbstveredelung, sondern verleiht einer Haltung Ausdruck die von Hoffnung getragen ist – Hoffnung auf Veränderung, auf Gerechtigkeit, auf Zukunft. Hochherzigkeit bedeutet dann: Die Bereitschaft, nicht nur auf das zu reagieren, was ist, sondern sich einzusetzen für das, was sein soll. Bildung in protestantischer Perspektive meint darum nicht bloß die Vermittlung von Wissen oder sozialen Kompetenzen, sondern die Ermöglichung von Handlungsfähigkeit – in einer Welt, die sich radikal verändert.
Im Kontrast zu einer vielfach wahrzunehmenden Tendenz, Zukunft als Bedrohung und nicht als Verheißung wahrzunehmen, werben der christliche Glaube und eine daran ausgerichtete christliche Bildung für eine andere Perspektive: Beide nehmen durchaus ernst, dass viele Menschen den Eindruck haben, kaum noch Einfluss auf das Kommende nehmen zu können. Aber sie widersprechen entschieden dem Schluss, der daraus oft gezogen wird: dem Rückzug in den Status quo oder der Resignation gegenüber dem Unveränderlichen. Denn christliche Glaube lebt von einem anderen Zukunftsbegriff: von Hoffnung.
Christliche Hoffnung ist mehr als ein Gefühl oder ein moralischer Appell, sie ist ein Weltverhältnis. Sie gründet im Vertrauen auf die Zusage Gottes, dass diese Welt nicht verloren ist, sondern dass Gerechtigkeit, Friede und Leben keine Illusion, sondern göttlicher Wille sind. Diese Hoffnung hat ihre Wurzel im Vertrauen darauf, dass Gottes Zukunft schon angebrochen ist und alle menschliche Gestaltungskraft auf sie bezogen bleibt. Diese Ausrichtung der Gestaltungskraft ist wichtig. Denn christliche Hoffnung ist eine handelnde Hoffnung, für die es eben Menschen ist nicht das naive Hoffen auf einen glimpflichen Ausgang, sondern eine Kraft, die aus der messianischen Perspektive lebt: der Vorstellung, dass Gott selbst seine Zukunft mit der Welt verbindet – und dass es sich lohnt, dafür einzustehen.
Aus dieser Hoffnung heraus kann ein „hochherziger Charakter“ entstehen. Wer glaubt, dass Zukunft offen ist, wer vertraut, dass es Sinn hat, sich zu engagieren, der der wird auch bereit, willens und fähig sein Verantwortung zu übernehmen. Der lässt sich nicht von Angst oder Ohnmacht bestimmen, sondern handelt – und zwar nicht trotz aller Widrigkeiten, sondern gerade angesichts ihrer Dringlichkeit. Der „hochherzige Charakter“ ist damit kein innerliches Ideal, sondern eine politische und gesellschaftliche Kategorie. Ein solcher Charakter entsteht nicht von selbst. Er muss gebildet werden. Bildung im Geist eines Öffentlichen Protestantismus zielt genau darauf: auf Mündigkeit, Urteilskraft und Gestaltungsmut.
In dieser Perspektive gewinnt das Bildungsziel des „hochherzigen Charakter“ dann trotz der angestaubten Formulierung bleibende, ja neue Aktualität. Es heißt: Menschen zu stärken, die inmitten von Unsicherheit und Umbruch nicht verstummen, sondern handeln. Menschen, die ihre Kraft nicht aus ideologischer Härte, sondern aus gelebter Hoffnung schöpfen. Bildung aus dem Geist des Christentums, wie es ein öffentlicher Protestantismus profiliert kann dazu beitragen, diesen Charakter zu bilden. Nicht, indem sie besseren zu Menschen erzieht, sondern indem sie zur Hoffnung befähigt.
Prof. Dr. Reiner Anselm, Professor für Systematische Theologie und Ethik an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität München und engagiert im Bereich des Wissenstransfers zwischen Kirche und Öffentlichkeit.