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nach.gefragt - Heiner Bielefeld

Die Menschenwürde – Grundlage für Zuversicht in politisch schwierigen Zeiten

Hoffnung, einer der Schlüsselbegriffe der Pastoralkonstitution Gaudium et Spes, ist derzeit rar gesät. Putins Raubkrieg in Europa, Gewalteskalation im Nahen Osten, die ökologische Verwüstung unseres Planeten, das Ausgreifen diktatorischer Mächte, populistische Polarisierung, Hass und Hetze im Netz. Die Schreckensnachrichten nehmen kein Ende. Die globale Ordnung scheint aus den Fugen geraten zu sein. Worauf soll sich Hoffnung stützen? Wo liegen die Quellen der Zuversicht. Ob der neue Papst weiterhelfen kann?

Ein anderer Schlüsselbegriff des Konzilsdokuments ist die Menschenwürde. Sie wird in Gaudium et Spes ausführlich erörtert. Kann der Verweis auf die Würde des Menschen eine Antwort auf die Sehnsucht nach begründeter Hoffnung sein? Sicherlich nicht in einem simplen Sinne. Aus dem Glauben an die Würde des Menschen kann man keine optimistischen Prognosen für Politik und Gesellschaft ableiten. Wohl aber kann uns die Überzeugung, dass allen Menschen – schlicht aufgrund ihres Menschseins – eine unbedingte Würde zukommt, innere Stärke verleihen. Viel ist heutzutage von Resilienz die Rede. Darunter versteht man die Kraft, sich auch angesichts widriger Umstände nicht aus der Bahn werfen zu lassen. Vielleicht ist Resilienz eine Erscheinungsform von Hoffnung: eine auf Überzeugungen gegründete Zuversicht in politisch schwierigen Zeiten. Also höchst aktuell.

Die Menschenwürde bildet das Fundament der säkularen Menschenrechte. Zugleich findet sie in religiösen Traditionen einen weiten Resonanzraum. Dazu gehört vor allem die biblische Idee der Gottesebenbildlichkeit. Weil Gott den Menschen – Mann und Frau – als sein Abbild und Gleichnis geschaffen hat, kommt dem Menschen innerhalb der Schöpfung ein herausragender Stellenwert zu. Für mich steht dieser Gedanken in engstem Zusammenhang mit dem biblischen Bilderverbot: Mach dir kein Bild von Gott! Wie passt das zusammen? Wie kann der Mensch Abbild des Gottes sein, von dem man sich kein Bild machen darf? Die einzige plausible Antwort auf diese Frage lautet: Das Bilderverbot muss in gewisser Weise auch auf den Menschen angewendet werden. Auch vom Menschen sollen wir uns kein Bild machen. Um es lebensnäher zu formulieren: Die Bilder, die wie letztlich doch unvermeidlich voneinander haben, sollen sich zumindest nicht abschließen. Sie müssen offen bleiben. Wer meint, einen Menschen ganz und gar zu kennen, verliert die Offenheit für mögliche Überraschungen. Damit schwinden zugleich die Voraussetzungen für ernsthaften Austausch und wechselseitigen Respekt.

Die paradoxe Botschaft vom Menschen als dem Ebenbild des nicht-abbildbaren Gottes gewinnt heute ungeheure Aktualität. Sie richtet sich gegen Projekte, die darauf abzielen, die Menschen ganz und gar zu vermessen. Natürlich kann Datenaustausch sinnvoll sein und beispielsweise im Bereich der Medizin sogar Leben retten. Es muss aber immer klar sein, dass der Mensch mehr ist als die Summe all der Daten, die man von ihm schon erfasst hat oder noch erfassen möchte. Der „gläserne Mensch“ ist nicht nur deshalb eine Horrorvorstellung, weil er leicht manipulierbar und erpressbar wäre. Das eigentliche Problem liegt tiefer. Vor einem Menschen ohne Geheimnis kann man keine Ehrfurcht empfinden. Ohne Ehrfurcht bleibt aber letztlich sogar die Achtung der Menschenwürde, die das Grundgesetz postuliert, flach. Deshalb die Mahnung: Mach dir kein Bild!

Zurück zum Thema Hoffnung. Die Besinnung auf die Menschenwürde gibt zwar keine Antwort auf die vielen bangen Fragen danach, wie es mit der politisch-rechtlichen Weltordnung weitergeht, wie wir Frieden finden und wie wir die Ökosysteme der Erde retten können. Sie kann aber ein Stück praktische Zuversicht verleihen – eben Resilienz. Mit der Idee der Gottesebenbildlichkeit bieten die biblischen Religionen die Chance, die Idee der Menschenwürde tiefer zu verstehen. Das ist kein überflüssiger Zusatz, sondern eine Einsicht, deren Brisanz in Zeiten von KI weiter zunimmt.

„Wenn dagegen das göttliche Fundament und die Hoffnung auf das ewige Leben schwinden, wird die Würde des Menschen aufs schwerste verletzt (…)“. Dieser Kernaussage von Gaudium et Spes kann ich gleichwohl nicht zustimmen. Religiöse Deutungen der Menschenwürde sind ein Sinnangebot; sie bilden aber nicht die notwendige Voraussetzung dafür, dass man sich für Menschenwürde und Menschenrechte einsetzen kann. Die letzten Motivationsquellen solchen Engagements sind vielfältig. In der Verteidigung der Menschenwürde können Christen und Nicht-Christen, Religiöse und Nicht-Religiöse zusammenarbeiten. Dafür gibt es zahllose Beispiele. Wer in jedwedem ethischen Engagement letztlich christliche Impulse Werke zu sieht, die den Menschen womöglich gar nicht voll bewusst seien, nimmt die Menschen in ihren Selbstverständnissen nicht ernst. Auch Atheisten wollen respektiert werden.

Das Zweite Vatikanische Konzil repräsentiert nicht zuletzt eine Öffnung für die Vielfalt der Religionen. Das war seinerzeit ein wichtiger Durchbruch. Der Dialog der Religionen reicht heute aber nicht aus. Das gilt zumal in einer Gesellschaft wie der deutschen, in der knapp die Hälfte der Bevölkerung keiner Religionsgemeinschaft angehört. Es braucht deshalb weiterreichende Dialogformate, für die man in Deutschen bislang nicht einmal einen angemessenen Begriff hat. Im Englischen spricht man von „inter-convictional dialogue“, also einem Dialog von Menschen unterschiedlicher Überzeugungen, zu denen ausdrücklich auch nicht-religiöse Sichtweisen gehören. Für diese Möglichkeit zeigt sich das Konzil noch nicht offen – das belegt der zitierte Satz. Der Impuls des Konzils muss über die Konzilstexte hinaus weiter gehen. Schließlich richtet sich die Hoffnungsbotschaft ja an alle Menschen guten Willens.

 

Prof. Dr. Dr. h.c. Heiner Bielefeldt ist Seniorprofessor für Menschenrechte an der FAU Erlangen. Der Theologe, Philosoph und Historiker hatte sechs Jahre lang das Amt des UN-Sonderberichterstatters für Religions- und Weltanschauungsfreiheit inne.

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