nach.gefragt - Dr. Andreas Frick
Statement Hoffnung
Weltverbundenheit und Weltpräsenz der Kirche und die Verortung in den „Sorgen und Nöten“ der Menschen war die ausdrückliche Perspektive der Pastoralkonstitution Gaudium et Spes 1965, die ganz im Zeichen des kirchlichen Aufbruchs des Zweiten Vatikanischen Konzils stand. 60 Jahre später befinden wir uns in einer Welt, die immer mehr auf den Abgrund zuzusteuern scheint. Kriegerische Konflikte mit ihren Gräueltaten, die Aushöhlung demokratischer Politik durch politische und wirtschaftliche Machthaber, zunehmende Ungerechtigkeit und Ungleichheit einhergehend mit einer massiven und rasant voranschreitenden Naturzerstörung, spiegeln das immense Ausmaß globaler Herausforderungen wider.
Zunehmende Verelendung von immer mehr Menschen oder gar ihr verfrühtes Sterben werden dabei weitestgehend hingenommen, besteht doch die dem System inhärente Logik gerade darin, dass der Reichtum der Wenigen auf der Verarmung der Vielen basiert. Weiterhin profitiert der globale Norden von diesen neokolonialen Strukturen, durch die ein kleiner Teil der Weltbevölkerung seinen Wohlstand und Lebensstil aufrecht erhalten kann. Dass dies auf Kosten der arm gemachten Völker basiert, brachte bereits damals die Pastoralkonstitution deutlich zum Ausdruck: „Die vom Hunger heimgesuchten Völker fordern Rechenschaft von den reicheren Völkern“ (GS 9). Seitdem hat diese Aussage an keinerlei Relevanz eingebüßt, sondern zeigt sich gegenwärtig von dramatischer Notwendigkeit und Dringlichkeit. Klar ist, dass christlicher Glaube, die Rede von Gott und der Verheißung auf eine andere Zukunft nur glaubhaft sein können, wenn wir uns dieser Katastrophen gezeichneten Realität stellen und Hoffnung aus der Perspektive und den Erfahrungen der sogenannten „Opfer“ des Systems formulieren. 1975 bringt die Würzburger Synode in ihrem zukunftsweisenden Dokument „Unsere Hoffnung“ diesen Gedanken trefflich auf den Punkt mit dem Satz „Das Reich Gottes ist nicht indifferent gegenüber den Welthandelspreisen.“
Damit Hoffnung weder zu einer leeren Floskel, billiger Vertröstung noch zu naivem Zukunftsoptimismus verkommt, gilt es gerade diese ganz konkret sich ereignenden Hoffnungsgeschichten, die systemisch ausgeklammert werden, sichtbar zu machen. Durch die Zusammenarbeit mit Partnern aus dem globalen Süden dürfen wir bei Misereor an vielfältigen konkreten Beispielen hoffnungsvoller Erfahrungen teilhaben. Dazu gehören bspw. Frauenorganisationen, die sich für Geschlechtergerechtigkeit einsetzen, der Aufbau kleinbäuerlicher Agroforstwirtschaft zum Schutz von Ökosystemen und Ernährungssicherheit oder Projekte nachhaltiger Energieversorgung in städtischen Elendsvierteln. Räume zu eröffnen, die erzählende Momente von diesen Hoffnungsgeschichten aus der Vergangenheit und Gegenwart ermöglichen, sind uns deshalb ein zentrales Anliegen. Gerade erleben wir, wie populistische und egoistische Tendenzen durch die getriebene Angst, im eigenen Erlebnishorizont zu verarmen, Entwicklungszusammenarbeit immer mehr unter Legitimationsdruck setzen. Die Solidarität über die eigenen Ländergrenzen hinaus, ein Markenzeichen der Bundesrepublik Deutschland, wird grundsätzlich infrage gestellt.
In den aktuellen politischen Entwicklungen ist somit die Stärkung weltweiter solidarischer Netzwerke höchst bedeutsam und notwendig. Als Weltkirche haben wir optimale Voraussetzungen im Dialog und der Zusammenarbeit von Menschen und Gruppen, die sich in verschiedenen Kontexten für die Verringerung von Ungleichheiten und Gerechtigkeit im Horizont der gemeinsamen Sehnsucht eines würdigen Lebens für alle einsetzen, zu vermitteln. Kirchliche Entwicklungszusammenarbeit kommt ihre Nähe zur Bevölkerung sowie ihre konstante langfristige Präsenz dabei zugute. Hoffnungsvoll sind diese Projekte aber auch, weil sie alle Dimensionen von Menschsein (Körper, Geist und Gemeinschaft) umfassen und an einer ganzheitlichen Veränderung mitwirken. Und so werden diese vielen (kleinen) Veränderungsinitiativen zu Inspiration und Hoffnungsquellen für andere und Zeugnis dafür, dass das Reich Gottes Wirklichkeit werden kann.
Dr. Andreas Frick ist seit 2024 Hauptgeschäftsführer von Misereor. Zuvor war er Generalvikar des Bistums Aachen.
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