nach.gedacht – Die Kirche als Bollwerk gegen die Moderne? Über die Politisierung des Katholizismus von Rechts
Die Kirche als Bollwerk gegen die Moderne? Über die Politisierung des Katholizismus von rechts
von Anne Mareike Ritter, Akademiedozentin Kath.-Soziale Akademie Franz Hitze Haus
Wer die Website der Initiative Maria 1.0 besucht, stößt auf Erzählungen frommer junger Menschen, die in ihrer eigenen Pfarrei keine geistliche Heimat mehr finden. Maria 1.0 versteht sich als Gegenbewegung zu den Reformforderungen des Synodalen Wegs und als Stimme der „treuen Katholiken" – gegen Frauenordination, gegen die Ehe für alle, gegen Modernisierungsbewegungen innerhalb der katholischen Kirche. Unter der Überschrift „Wie sieht nun das konkrete Leben für einen Katholiken in Deutschland aus?" heißt es dort:
„Max, der als einer der wenigen seiner Altersgenossen im Glauben aufgewachsen ist, hat seine Pfarrkirche seit Langem nicht betreten, weil dort in der Messe Clowns auftreten und blasphemische Predigten gehalten werden. Beichtgelegenheiten gibt es keine, auf Nachfrage bekam er nur die Antwort: „Das ist doch vorkonziliar.“ Max hat sich mal beim Bischof beschwert, seinem Amt nach Nachfolger der Apostel und Hüter des Glaubens – aber der hat ihn ausgelacht [...] Max besucht jetzt die Messe bei einer Ordensgemeinschaft in derselben Stadt [...]. Die Ordensgemeinschaften in seiner Nähe sind häretisch und die Messe im alten Ritus hat der Bischof verboten [...]. Die Kinder, die Max und seine Frau inzwischen haben, sind im Glauben auf sich allein gestellt, denn die diözesanen Jugendverbände sind geistlich desinteressiert, dafür aber hochpolitisch. Zum Teil wurde die eigene Fahne durch eine Regenbogenfahne ersetzt.“ (Auszug aus der Homepage Maria 1.0)
Oberflächlich betrachtet vertritt Maria 1.0 einen konservativen Glaubensstil, wie er in vielen Milieus geläufig ist. Bei näherer Betrachtung wird allerdings deutlich, dass sich hinter der Fürsprache für Tradition und konservativen Werten eine Politisierung des Katholizismus in neurechter Logik verbirgt.
So stilisiert Maria 1.0 das Bild zurückgelassener, geistlich exilierter konservativer Katholiken, die in ihrer „verweltlichten“ Amtskirche keine Heimat mehr finden. Als „gute Katholiken“ müssen sie sich andere Räume suchen, abseits des kirchlichen „Mainstreams“, um überhaupt noch eine „echte“ Messe und den „wahren“ Glauben zu finden. So wird die eigene Position als die „eigentlich glaubenstreue“ dargestellt, während die offizielle Kirche als „vom Weg abgekommen“ gilt. Die eigenen traditionalistischen Positionen werden demnach nicht als Sonderweg markiert, sondern als einzige verbleibende Wahrheit. Die offizielle Kirche – einschließlich der Bischöfe – erscheint dagegen als verweltlicht, abgefallen, sogar verbotswürdig.
Damit stellt Maria 1.0 die (amts-)kirchliche Autorität unter Vorbehalt: Gültig ist sie nur, wenn sie die „wahre Lehre“ schützt. Das wird auch dadurch unterstrichen, dass vor dem oben zitierten Abschnitt darauf eingegangen wird, dass man zwischen der „wahren Kirche“ und der konkreten Amtskirche (z. B. in Deutschland der als Körperschaft öffentlichen Rechts anerkannten Katholischen Kirche) unterschieden werden muss, mit der impliziten Botschaft: Die sichtbare Kirche kann von der eigentlichen, wahren Kirche abweichen. So wird die Kirchensteuer kritisiert, wie auch die Sanktionen, die auf einen Kirchenaustritt folgen. Es wird aber auch betont, dass ein Gläubiger, der aus der Kirche austritt, zwar keine Sakramente mehr von der „Amtskirche“ erhält, „der Heilige Stuhl“ aber klargestellt habe, dass dies nicht mit einer Exkommunikation gleichzusetzen wäre. Hier zeigt sich, dass aus Sicht von Maria 1.0 die Krise der Kirche nicht im Glauben selbst liegt, sondern in der Art, wie die Institutionen ihn verstehen und leben.
Entscheidend ist, dass „Verweltlichung“ in den Augen von Maria 1.0 mit liberalen, progressiven Werten gleichgesetzt wird, also mit der Moderne, und dass dies zu einer Krise der Kirche, und zur Ausgrenzung und Vereinsamung „wirklicher Gläubiger“ führe. Maria 1.0 lässt sich daher als eine fundamentalistische Bewegung verstehen, denn sie unterscheidet klar zwischen „dem richtigen“ und „dem falschen Glauben“, sodass Andersgläubige mit Ungläubigen gleichgesetzt werden.
Und in dieser fundamentalistischen Haltung und der großen Nähe zu anderen antimodernen und auch antidemokratischen Bewegungen, wie zum Beispiel der Piusbruderschaft, wird auch eine große Nähe zu aktuellen Strömungen innerhalb des Rechtsextremismus deutlich, der sogenannten Neuen Rechten.
Merkmale dieser Neuen Rechten sind, dass sie rechtsextreme Inhalte „intellektuell-philosophisch“ präsentiert und damit auch verschleiert. Hierbei spielt der Begriff der „Metapolitik“ eine große Rolle: Er beschreibt das Anliegen, im „vorpolitischen Raum“ – außerhalb der Parlamente – Kultur, Sprache und damit auch Wahrnehmungen und Meinungen zu beeinflussen. Statt offen von „Rassen“ zu sprechen, wird zum Beispiel von der „Reinheit der Kulturen“ gesprochen, die sich „nicht mischen sollten“. Dieser „Rassismus ohne Rassen“ wird weiter verschleiert als „Ethnopluralismus“ bezeichnet. Oder statt offen Gewalt und autoritäre Führung zu fordern, werden subtilere Wege gefunden, dieses Anliegen auszudrücken – unter anderem auch durch ein bestimmtes Kirchenbild.
Der Politikwissenschaftler Samuel Salzborn zeigt, wie diese rechtsextreme Strömung Religion gezielt funktionalisiert: Religiöse Gemeinschaft soll einen wahrgenommenen Sinnverlust füllen, Individualisierungsprozesse umkehren und als Gegengewicht zu einem liberalen, säkularen Staat dienen. Das Generalziel ist dabei eine Resakralisierung des Politischen – nicht durch eine Rückkehr zu dogmatischer Frömmigkeit, sondern durch ein „völkisches Christentum", das Menschen stabilisiert, führt und in feste Strukturen einbindet.
In einem Artikel, der mit „Kirche als Institution“ überschrieben ist, formulierte dies eine wichtige Figur der Neuen Rechten, Erik Lehnert. Lehnert, Herausgeber der vom Verfassungsschutz als rechtsextremistisch eingestuften Zeitschrift Sezession, beschreibt in dem Artikel, warum aus seiner Sicht die katholische Kirche eine zentrale Rolle im Kampf gegen den gesellschaftlichen Verfall spielen sollte. Seine Grundannahme ist: Die Moderne bringt Sinnverlust. Durch Rationalisierung, Individualismus und Pluralismus fehle es den von Natur aus „instinktunsicheren“ Menschen an Halt, Autorität, Orientierung. Dieses Sinnvakuum müsse die Kirche als stabilisierende Ordnungsmacht füllen. Er sieht sie als überzeitliche Institution, die Menschen führt, diszipliniert und in feste Strukturen einbindet.
Lehnerts zentrale Forderung lautet deshalb: Keine Modernisierung der Kirche, keine Anpassung an Gleichberechtigung oder Demokratie, sondern eine Rückbesinnung auf Autorität, Disziplin und sakrale Ordnung. Politik solle wieder stärker von religiösen Ideen bestimmt werden und die Kirche den Menschen dabei Halt und Orientierung geben. Kirche soll so ein Bollwerk, ein Schutzwall gegen die moderne Welt darstellen und gegen den Verfall der Gesellschaft in Form von Demokratie, Gleichberechtigung und Vielfalt.
Damit wird deutlich: Religion wird hier nicht als private Glaubensangelegenheit, sondern als politisches Ordnungsinstrument verstanden. Und genau diese Logik – Kirche als Gegenmacht zur Moderne – finden wir, in abgeschwächter Form, auch bei Initiativen wie Maria 1.0.
Von Rechtsextremismus und Kirche zu sprechen bedeutet demnach, nicht nur Mitgliedszahlen, sichtbare Akteure und Netzwerke zu betrachten, sondern auch Erzählmuster, Ideologeme und Deutungsansprüche in den Blick zu nehmen. Denn genau hier im Vorpolitischen steckt das Potential für einen Angriff auf die Demokratie und ihre Werte.
Diese Entwicklungen und Muster finden sich dabei nicht nur in Deutschland: Religiöse Akteure sind zunehmend in internationale Netzwerke eingebunden, die sich gemeinsam gegen die liberale, pluralistische Demokratie positionieren – erkennbar in der wachsenden Allianz von katholischem Traditionalismus und rechter Politik in den USA, in der engen Verflechtung von orthodoxer Kirche und Staatsideologie in Russland unter Putin und auch in anderen europäischen Ländern, wo sich rechtskonservative religiöse Gruppierungen transnational vernetzen und koordinieren.
Die Veranstaltung „Glaube – Macht – Autoritarismus" am 18. Mai 2026 wird genau diese transnationalen Verflechtungen in den Blick nehmen. Prof. Dr. Regina Elsner, Prof. Dr. Hille Haker und PD Dr. Sonja Angelika Strube fragen nach den theologischen Narrativen hinter diesen Allianzen – und danach, was Theologie dieser Entwicklung entgegensetzen kann.