Springen Sie direkt zum Hauptinhalt

Glaube – Macht – Autoritarismus

© Marieke Fritzen.

Zur Verantwortung der Theologie.

Religiöse und politische Allianzen gegen die liberale Demokratie in den USA, in Russland und Deutschland

Maria Kröger, Johannes Sabel

Die Bedrohung von Demokratie und Menschenrechten durch rechtsextreme Ideologien, Akteure und Gruppierungen ist kein Randphänomen, sondern hat sich zu einer globalen  Gefahr entwickelt. Zunehmend wird dabei sichtbar: Diese Entwicklungen sind nicht nur politisch, sondern auch religiös aufgeladen.

Religion wird zur politischen Ressource und Kirchen stehen im Fokus rechtsextremer Kräfte. Ein zentrales Merkmal dieser Bewegungen ist die gezielte Instrumentalisierung religiöser Themen und Werte, die Christ:innen, religiösen Gemeinschaften und Kirchen wichtig sind. Begriffe wie Lebensschutz, Solidarität, Menschenwürde, Nächstenliebe werden gezielt aufgenommen und ideologisch umgedeutet. Religion wird so zur Legitimation politischer Projekte genutzt, die sich gegen die liberale Demokratie und ihre Werte richten. Jede Religion trägt ein Gewaltpotenzial in sich, da sie dazu neigt, Glaubensinhalte und ethische Werte für absolut zu erklären. Darin liegt ein von rechtsextremen Kräften erkanntes Potential, das Religionen zu attraktiven Unterstützern im Kampf gegen die Moderne werden lässt.

Diese Entwicklungen und Muster finden sich dabei nicht nur in Deutschland: Religiöse Akteure sind zunehmend in internationale Netzwerke eingebunden, die sich gemeinsam gegen die liberale, pluralistische Demokratie positionieren – erkennbar in der wachsenden Allianz von katholischem Traditionalismus und rechter Politik in den USA, in der engen Verflechtung von orthodoxer Kirche und Staatsideologie in Russland unter Putin, und auch in anderen europäischen Ländern, in denen sich rechtskonservative religiöse Gruppierungen transnational vernetzen und koordinieren.

Die Veranstaltung „Glaube – Macht – Autoritarismus. Religiöse und politische Allianzen gegen die liberale Demokratie in den USA, in Russland und Deutschland“, die am 18. Mai 2026 in der Katholisch-Sozialen Akademie Franz Hitze Haus stattfand, nahm genau diese transnationalen Verflechtungen in den Blick. Prof. Dr. Regina Elsner (Münster), Prof. Dr. Hille Haker (Chicago) und PD Dr. Sonja Angelika Strube (Münster) fragten nach den theologischen Narrativen und politischen Strategien hinter diesen Allianzen – und danach, was Theologie dieser Entwicklung entgegensetzen kann.

Hille Haker reflektierte politische und religiöse Allianzen gegen die liberale Demokratie und autoritaristische Verschiebungen in den USA seit den 1970er Jahren.  Die „Neuen Rechten“ spitzen das Feindbild des amerikanischen Konservatismus – das gesellschaftliche, kulturelle und religiöse „Projekt Moderne“ und die Politische Theorie des Liberalismus – zu. Darin erkennen sie eine existentielle, kulturelle und politische Bedrohung.

Zu den „Neuen Rechten“ zählen verschiedene Gruppierungen, die sich in der MAGA-Bewegung, in der Trump Administration, in Kaderschmieden für Richter:innen, Politiker:innen, Kirchen und religiösen Bewegungen, aber auch in internationalen Netzwerken finden. Sie sind reaktionär im Sinne einer Gegenmoderne bzw. einer Gegenaufklärung. Ihre schleichende Radikalisierung beginnt in der ersten Amtszeit von Donald Trump, vor allem aber seit 2020.  Nationalkonservative Kritikpunkte, die sich global wiederfinden, sind die demokratische politische Ordnung, Bildungspolitik, Wohlfahrtsprogramme als „soziale Hängematte“, Migrationspolitik als „falscher Universalismus“, eine „widernatürliche Geschlechterordnung“.

Demokratie gilt als Ordnung der Schwäche und der Schwachen, die es zu vernichten gilt. Herrschaft durch Stärke, Wettstreit der Mächtigen werden als Ideal einer patriarchalen Gesellschaft angestrebt. Eine internationale kollektive Identität wird an den Themen Migration, Ökonomie und einer restaurativ-christlichen, autoritären politischen Ordnung ausgemacht. Internationales Vorbild ist die illiberale Demokratie in Viktor Orbans Ungarn. Schnittstelle und Anknüpfungspunkt zum Postliberalen Katholizismus ist die Kritik an individueller Freiheit und einem Verständnis vom guten Leben, Ablehnung des theologischen Naturrechts und einem rationalen, sozialen und technologischen Fortschrittsgedanken.

Regina Elsner fokussierte auf die Russisch Orthodoxe Kirche im Netzwerk globaler rechtskonservativer Kräfte.  Die Vernetzung von russischem Rechtsradikalismus und russischer Orthodoxie zeigte sie vor und nach dem Ende des Kalten Kriegs auf. „Conservative Turn“ war 2012 das Punk-Gebet der Band „Pussy Riot“ und der darauffolgenden verschärften Einschränkung zivilgesellschaftlicher Freiheiten. Das Jahr 2012 markiert den Beginn einer ideologischen Verschmelzung von Religion und Politik, die schließlich in der religiösen Legitimation des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine durch die Kirchenleitung der ROK im Jahr 2024 gipfelte. Russland wurde schrittweise zu einem wichtigen Teilnehmer konservativer Netzwerke, die sich global der liberalen Ordnung entgegenstellten. Die USA spielten eine große Rolle. Bewegungen und Vernetzungen wurden von beiden Seiten initiiert. Amerikanische Evangelikale brachten traditionalistische Konzepte in die sich auflösende UDSSR. In einer Gegenbewegung transferierten russische Oligarchen Geld in den „dekadenten“ Westen. Internationale Vernetzungen seit den 1960er Jahren lassen sich mit Italien, Österreich, Serbien, Bulgarien, Naher Osten und Afrika aufzeigen. Auch hier spielt das Ungarn Victor Orbans eine besondere Bedeutung.

Zentral für die Ökumenischen Verflechtungen der ROK, mit Patriarch Kirill ist die Frage, ob die offen rechts-religiöse Legitimierung des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine die Netzwerke brechen lassen. Ist es weiterhin möglich, mit oder ohne die ROK rechtskonservative politische Strategien zu vertreten, ohne damit indirekt den russischen Krieg zu legitimieren?

Vor diesem Hintergrund lässt sich die deutsche Situation ebenfalls konturieren. Die von Sonja A. Strube herausgearbeiteten Befunde zeigen, dass rechtspopulistische und rechtsextreme Akteure im deutschsprachigen Raum nicht nur einzelne religiöse Begriffe instrumentalisieren, sondern systematisch mit semantischen Verschiebungen operieren, die in kirchliche Milieus hineinwirken. Zentral ist dabei die Verschränkung von „Anti-Gender“-Diskursen mit religiösen Deutungsmustern. Begriffe wie „Schöpfungsordnung“ oder „gottgewollte Zweigeschlechtlichkeit“ fungieren als Brückenbegriffe, über die politische Positionen in moralisch-theologische Gewissheiten „übersetzt“ werden.

Debatten um Sexualpädagogik, Geschlechtervielfalt oder Familienpolitik werden nicht mehr primär als gesellschaftspolitische Auseinandersetzungen geführt, sondern als Abwehrkämpfe gegen eine vermeintliche „Ideologie“, die der göttlichen Ordnung widerspreche. In diesem Deutungsrahmen erscheinen staatliche Gleichstellungspolitiken oder Bildungspläne als Eingriffe in eine sakral legitimierte Naturordnung. Ähnlich funktioniert die religiöse Aufladung migrationspolitischer Diskurse. Das Motiv der „Bewahrung des christlichen Abendlandes“ wird zu einem identitären Marker, der Zugehörigkeit exklusiv definiert und den Universalismus christlicher Ethik suspendiert.

Diese Diskurse schließen zugleich an reale Erfahrungen an: an kulturelle Verunsicherung, an Entfremdungserfahrungen gegenüber politischen Institutionen und an sozial-ökonomische Ungleichheitserfahrung. Die religiöse Semantik fungiert hier nicht als Ausdruck gelebten Glaubens, sondern als kulturchristliche Ressource, die Identität stabilisiert und Komplexität reduziert. In dieser Perspektive wird verständlich, warum rechtspopulistische Narrative selbst in säkularen Kontexten wirksam sein können: Sie greifen auf religiöse Tiefenstrukturen zurück, ohne an institutionelle Religiosität oder an einen expliziten, praktizierten Glauben gebunden zu sein.

Angesichts dieser Entwicklungen stellt sich die Frage nach einer theologischen und darin auch öffentlichen und gesellschaftlichen Antwort mit neuer Dringlichkeit. Die Stärke autoritärer Netzwerke liegt nicht zuletzt darin, dass sie über Jahrzehnte hinweg strategisch aufgebaut worden sind. Sie verbinden politische, mediale, ökonomische und religiöse Akteure, fördern gezielt Nachwuchseliten und entwickeln kohärente, wenn auch falsche Narrative, die sich international verbreiten. Liberale Kräfte haben diese Entwicklung häufig nicht in ihrer strategischen Dimension erkannt. Sie vertrauten auf die normative und rationale Überzeugungskraft von Argumenten und unterschätzten die Bedeutung von strategischer Organisation, starken Narrativen und einer Politik der Emotionalisierung. Hinzu kommt, dass eine emanzipatorisch, freiheitlich-demokratisch orientierte Theologie in ihrer berechtigten Sensibilität für Differenz und Ambiguität auf klare und – mit guten Gründen – „einfache“ Deutungsangebote verzichtet hat und damit in öffentlichen Diskursen weniger kommunikabel und damit auch verbreitungsfähig war. Schließlich spielte auch eine gewisse Zurückhaltung gegenüber Machtfragen eine Rolle: Die Sorge, selbst ideologisch zu werden, führte dazu, dass die Gestaltung von Deutungsmacht anderen überlassen wurde.

Eine erneuerte Theologie, die menschenrechtlich, universalethisch orientiert ist, steht vor der Aufgabe, den Wunsch nach Ordnung und Handlungsorientierung ernst zu nehmen, ohne in autoritäre Muster zu verfallen. Dies bedeutet, den ethischen Universalismus nicht als abstraktes Prinzip, sondern als konkrete, handlungsleitende Praxis zu interpretieren, die Orientierung bietet, ohne Komplexität zu verleugnen. Zugleich muss sie die Überforderungserfahrungen heutiger Menschen ernst nehmen. Freiheit kann theologisch nicht als bloße positive Wahl- und Entfaltungsmöglichkeit des aufgeklärten Subjekts verstanden werden: Wo Menschen Freiheit als Last erleben, entsteht eine Leerstelle, die von autoritären Angeboten gefüllt wird. Diese Leerstelle zu bearbeiten, ist eine zentrale Aufgabe theologischer Reflexion und kirchlicher Praxis.

Unabdingbar ist darüber hinaus die Verbindung von Freiheits- und Gerechtigkeitsfragen. Wo Menschen unter prekären Lebensverhältnissen leiden, bleibt der Appell an Demokratie und Pluralismus abstrakt, wenn wirkt schnell arrogant und elitär. Eine subjektorientierte und zugleich solidarische Theologie muss daher sozialethisch konkret werden und sich an der Seite derjenigen positionieren, deren Handlungsspielräume eingeschränkt sind. Gerade hier entscheidet sich Glaubwürdigkeit im öffentlichen Raum. Ebenso zentral ist die Frage nach Zugehörigkeit. Autoritäre Bewegungen sind erfolgreich, weil sie Gemeinschaft erfahrbar machen und Identität stiften. Theologie kann darauf nicht lediglich mit Kritik reagieren, sondern muss eigene Formen inklusiver Gemeinschaft entwickeln, die Bindung ermöglichen, ohne Exklusion zu produzieren. Liturgische Praxis, diakonisches Handeln und zivilgesellschaftliches Engagement sind dabei nicht voneinander zu trennen, sondern bilden gemeinsam Räume, in denen Zugehörigkeit neu gestaltet wird.

Schließlich wird es entscheidend sein, dass Theologie selbst netzwerkfähig wird. Sie muss interdisziplinäre und transnationale Kooperationen stärken, gezielt Kommunikationsräume besetzen und eigene Narrative entwickeln, die intellektuell redlich und zugleich öffentlich verständlich sind. In einer medial fragmentierten Öffentlichkeit entscheidet nicht nur der Gehalt von Argumenten, sondern auch ihre Verbreitung, ihre emotionale Anschlussfähigkeit und ihre institutionelle Verankerung.

In all dem kommt der Hoffnung eine besondere Bedeutung zu. Gegenüber der strategischen Erzeugung von Angst, die autoritäre Bewegungen kennzeichnet, stellt sie eine widerständige Ressource dar. Hoffnung im theologischen Sinne ist keine naive Zuversicht oder schierer Jenseitsglaube, sondern die Fähigkeit, sowohl an einer positiven Offenheit der Zukunft als auch an die Potenziale zum Guten in der Gegenwart gegen alle Verengungen und Verfallsnarrative festzuhalten. Kirchen und religiöse Gemeinschaften sind daher gefordert, Hoffnung nicht nur zu predigen, sondern als soziale Praxis erfahrbar zu machen. Wo dies gelingt, entsteht ein Gegenraum zu den Logiken der Angst – und damit eine zentrale Voraussetzung dafür, dass liberale Demokratie auch in Zeiten autoritärer Versuchungen Bestand haben kann.