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„Eugenische Phantasmen“ Abendforum mit Prof. Dr. Dagmar Herzog

Im Massenmordprojekt des Nationalsozialismus mündete die lange und verzweigte Vorgeschichte der „Eugenik“ – für die Historikerin Prof. Dr. Dagmar Herzog (City University of New York) ist mit dieser Katastrophe die Geschichte der Eugenik in Deutschland gleichwohl nicht beendet: Die Eugenik zu verlernen, hat sich in Deutschland als ein außerordentlich zäher Prozess erwiesen, der bis heute nicht abgeschlossen ist. Herzogs Forschung, die sie am 5. November in der Akademie Franz Hitze Haus vorstellte, ist in ihrem jüngst erschienenen Buch „Eugenische Phantasmen – Eine deutsche Geschichte“ (Suhrkamp 2024) kondensiert: die Geistesgeschichte kognitiver Beeinträchtigung und die Debatten über den Wert behinderten Lebens in den letzten 150 Jahren.

In einer großen Materialfülle führte Dagmar Herzog die knapp 100 Teilnehmer:innen entlang eines klaren Argumentationsganges. Sie zeigte die Kontinuität auf, die ein auf Entwertung und Ausschluss von gesellschaftlicher Teilhabe abzielendes Verständnis von Menschen, die als behindert gelten, im Deutschland des 20. Jahrhunderts bildete.

Dagmar Herzog schilderte die immer wiederkehrenden Konflikte über die Deutung von Fakten und die daraus zu ziehenden praktischen Konsequenzen. In diesen sowohl politisch als auch emotional hoch aufgeladenen Auseinandersetzungen vermischten sich Konzepte aus Medizin und Pädagogik mit religiös-theologischen Vorstellungen, aber auch mit solchen über Arbeit und Sexualität, menschliche Verwundbarkeit und wechselseitige Abhängigkeit. Wie soll man über die Mitbürger:innen mit den unterschiedlichsten kognitiven Beeinträchtigungen und psychiatrischen Diagnosen denken? Wie mit ihnen umgehen? Indem die Deutschen über diese Fragen stritten, rangen sie stets auch um ihr Selbstverständnis als Nation.

Die Diskussion des brillanten Vortrags zeigte Parallelen zur Feindlichkeit gegenüber Menschen mit Migrationserfahrung oder zu aktuellen Formen des Antisemitismus. Dabei wurde Herzogs These von der erotischen Aufladung dieser Entwertungen und Stigmatisierung interessiert aufgegriffen und von ihr plausibel begründet. Die „Durchsetzung eines erotisierten eugenischen Paradigmas“ sei der „Schlüsselfaktor für den Erfolg des Nationalsozialismus“ gewesen. Die Propaganda idealisierte den sogenannten „arischen Körper“ (sowohl männlich als auch weiblich) oft in ästhetisierten und sexualisierten Weisen, beispielsweise in Skulpturen und Sportberichten. Diese Bilder vermitteln ein Schönheitsideal, das mit „Rasse“ und „Gesundheit“ gleichgesetzt wurde. Sexualität, die nicht dem reproduktiven Ideal diente oder die „Rasse“ gefährdete, wurde unterdrückt, verfolgt und vernichtet.

Herzog machte deutlich, dass die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus nicht nur historische Erkenntnisse liefert, sondern auch problematische Aspekte unserer demokratischen Gegenwart sichtbar macht. Sie zeigte die Kontinuität von Entwertungs- und Ausschlussmechanismen gegenüber Menschen mit Behinderungen auf.

Dagmar Herzog zitiert in ihrem Buch Jürgen Dusel, Jurist und seit 2018 Beauftragter der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen: „Demokratie braucht Inklusion – ich denke Inklusion sollte nicht als Frage der Humanität, der Zivilisation oder der Fürsorge für Menschen diskutiert werden. Meine Überzeugung ist vielmehr: Demokratie und Inklusion sind zwei Seiten einer Medaille. Ohne Inklusion gibt es keine Demokratie.“ Herzog würdigte die rechtlichen Veränderungen aus der UN-Behindertenrechtskonvention und aus dem Gesetz zur Stärkung der Teilhabe und Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen. Trotz dieser Erfolge gab Dagmar Herzog zu bedenken, dass Menschen mit Behinderungen und insbesondere Kinder mit schweren Behinderungen, welche viel zu lange „in geschlossenen Einrichtungen“ verwahrt wurden, weiterhin anfällig für die vielfältigen Ausschlussmechanismen sind.

 

 


Das Abendforum wurde in Zusammenarbeit mit der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen (katho) durchgeführt und ist Teil des kulturpädagogischen Projekts „Grafeneck – Münster // 1940 – heute“ unter der Leitung von Prof. Dr. Jochen Bonz. Das Abendforum war der Auftakt einer zweitägigen Fachtagung mit dem Titel „Grafeneck-Münster // 1940 – heute“: Kulturpädagogik am Schnittpunkt von Gedenkstättenpädagogik, Sozialer Arbeit und ästhetischer Praxis. Leiter Prof. Dr. Jochen Bonz (katho am Standort Münster) erklärt die Bedeutung des Projekts „Grafeneck – Münster // 1940 – heute“: „Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus wird umso relevanter, je länger die Zeit des Nationalsozialismus zurückliegt und je stärker rechtsextreme Weltanschauungen in unserer Gesellschaft an Einfluss gewinnen.“

Das Projekt wird in der Bildungsagenda NS-Unrecht von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) und dem Bundesministerium der Finanzen (BMF) gefördert.

 

Weiterführende Informationen:

Herzog, Dagmar | CUNY Graduate Center

Entwicklung einer kulturpädagogischen Erinnerungspraxis Grafeneck – Münster // 1940 – heute | Forschungsprojekt | katho

 

Text: Sebastian Schiffmann

Fotos: Nikolai Wolff (Fotoetage Bremen)

Flyer zur Veranstaltung: Download