Springen Sie direkt zum Hauptinhalt

Auf den Spuren von Chemnitz’ wechselhafter Geschichte

Von Anna-Lena von Krenski

Die zentrale Arbeitstagung des Seminars „Spurensuche DDR“ führte unsere Reisegruppe dieses Jahr nach Chemnitz. Unsere Reisegruppe, das heißt sieben Teamer*innen der Schulseminare „Spurensuche DDR“ und „Aus der Geschichte lernen“, den Leiter der „Spurensuche DDR“ Jan Szepetiuk und unsere Reiseleiterin und Akademiedozentin der Jungen Akademie im Franz-Hitze-Haus, Anne Mareike Ritter.

Nach einer langen Anreise beschäftigten wir uns von Freitag, 28.08.2026 bis Sonntag, 30.08.2026 mit der vielfältigen und spannungsgeladenen Geschichte der Stadt: Aufgrund der blühenden Industrialisierung im 19. Jahrhundert als „Sächsisches Manchester“ bekannt, war Chemnitz 1900 die steuerreichste Stadt des Deutschen Kaiserreiches. In dieser Zeit entstand auch auf dem Kaßberg ein großes Gründerzeit- und Jugendstilviertel. In der Weimarer Republik galt Chemnitz noch als sozialdemokratische Hochburg, aber ab 1933 war die nationalsozialistische Verfolgung der jüdischen Gemeinde, politischen Gegner*innen und weiterer unterdrückter Gruppen sowie die Zerstörung während des Zweiten Weltkrieges prägend für die Stadtgeschichte. Daraufhin wurde die Stadt unter dem Namen Karl-Marx-Stadt als sozialistische Vorzeigestadt neu ausgerichtet. Auf die Wende folgte ein Strukturwandel, der von Spannungen nun einer massiven Abwanderung geprägt ist:  In den 1990er Jahren, den sogenannten Baseballschlägerjahren, wuchs gerade in Chemnitz die rechtsextreme Szene stark an und es kam vielen rassistisch motivierten Gewalttaten. Gleichzeitig entstanden moderne Bauprojekte in der Innenstadt und eine kreative Subkultur und studentische Szene. Heute ist Chemnitz wieder so bevölkerungsreich wie vor der Wende und trug 2025 den Titel „Kulturhauptstadt Europas“. Doch die Spannung bleiben bestehen, wie nicht zuletzt die rassistischen Ausschreitungen 2018 deutlich machten und das darauffolgende zivilgesellschaftliche Engagement für Demokratie und Vielfalt.

Unser Programm in diesen drei Tagen legte bei der Entdeckung der Stadtgeschichte einen Schwerpunkt auf die Spuren menschenunwürdigen Handelns, die in Chemnitz zu finden sind. So besuchten wir den Gedenk- und Lernort Kaßberg-Gefängnis. Das Kaßberg-Gefängnis wurde während der Chemnitzer Blütezeit im Kaiserreich errichtet und von den Nationalsozialisten zur Inhaftierung politischer Gegner*innen, als Ausgangsort für Deportationen von Jüdinnen*Juden und zur Verfolgung weiterer unterdrückter Gruppen genutzt. Die DDR nutzte das Gefängnis weiter, sowohl als gewöhnliche Haftanstalt als auch als Abwicklungsort des Häftlingsfreikaufs zwischen der DDR und der BRD. Für rund 30.000 der 33.000 politischen Gefangenen, die von der Bundesregierung aus der Haft in der DDR freigekauft wurden, war das Kaßberg-Gefängnis der letzte Inhaftierungsort vor der Entlassung. Einer dieser ehemaligen Häftlinge war Thomas Drescher. Er begleitete uns als Zeitzeuge auf unserem Besuch des Lern- und Gedenkortes. Beim Austausch und anschließenden gemeinsamen Abendessen erzählte er uns viel über seine Erfahrungen in der Haft und über seine pädagogische Arbeit als Zeitzeuge.

Außerdem nahmen wir an einer Führung mit Gespräch im Dokumentationszentrum zum NSU-Komplex „offener Prozess“ teil. Denn das Kerntrio des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), welches zwischen 1998 und 2007 zehn Menschen ermordete, 43 Mordversuche durchführte, drei Sprengstoffanschläge verübte und 15 Raubüberfälle beging, tauchte von 1998 bis 2000 in Chemnitz unter. Dabei profitierten sie von einem großen Unterstützernetzwerk der Chemnitzer rechtsextremen Szene.

Auch in Chemnitz selbst gingen wir auf Spurensuche: So besichtigten wir bei einem Stadtrundgang den Standort der alten, 1933 zerstörten Synagoge, den berühmten Karl-Marx-Kopf und die Orte, an denen das NSU-Kerntrio untergetaucht war. Abends ließen wir in geselligen Runden nicht nur die besuchten Orte Revue passieren, sondern diskutierten auch über den Titel der „Kulturstadt“ und unsere Wahrnehmung von Chemnitz als eine zutiefst politisierte und spannungsgeladene Stadt.

Die vielen Eindrücke aus Chemnitz werden auch in unsere pädagogische Arbeit mit Schüler*innen einfließen. Besonders die Wendeerfahrung und die Ambivalenz, mit der vielen Menschen auf die ehemalige DDR blicken sollte dabei Teil einer zeitgemäßen Vermittlung von Wissen über DDR-Geschichte sein.