Eine neue Studie bringt es an den Tag: Die katholischen Pfarrgemeinden erreichen nur noch eine Minderheit der Gesellschaft
von Hartmut Meesmann
Die katholische Kirche erreicht mit ihrer religiösen Botschaft nur noch eine Minderheit der deutschen Bevölkerung. Anders gesagt: Von zehn verschiedenen Milieus, die die deutsche Gesellschaft prägen, lassen sich ganze drei, höchstens vier von der Kirche ansprechen. In den Pfarrgemeinden sind es sogar nur zwei. Das ist das Ergebnis einer Studie über religiöse und kirchliche Orientierungen, die das sozialwissenschaftliche Forschungsinstitut Sinus Sociovision im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz vorgelegt hat. »Die Kirche steht vor einer historisch zu nennenden Weggabelung, sie leidet an einer erheblichen Milieuverengung«, sagt Matthias Sellmann von der Katholischen Sozialethischen Arbeitsstelle der Bischofskonferenz in Hamm. »Kirche und heutige Kultur passen kaum mehr zusammen«, resümiert der Soziologe und Theologe die Ergebnisse, die er kürzlich als von den Bischöfen beauftragter Projektleiter im Münsteraner Franz-Hitze-Haus vorstellte.
Das Kernproblem: Sender und Adressat – Kirche und die verschiedenen Milieus – funken weniger denn je auf einer Wellenlänge. »Wenn aber die Signale, die die Kirche aussendet, bei den Adressaten nicht ankommen, dann werden sie auch nicht verarbeitet«, so Sellmann. Die Folge: Der christliche Glaube verliert an Plausibilität, er hilft nicht mehr zur Lebensbewältigung.
Aus Sicht des Sinus-Instituts hat sich die deutsche Gesellschaft in zehn verschiedene Milieus auseinander differenziert (s. Grafik auf S. 30). Die katholische Kirche ist nur unter den »Traditionsverwurzelten« der Mittel- und Unterschicht, den »Konservativen« der Oberschicht und in der »bürgerlichen Mitte« fest verankert, zum Teil noch bei den »Postmateriellen«, die wiederum der oberen Mittel- und der Oberschicht zugerechnet werden. Die Kirche ist damit vor allem für Menschen ein Bezugspunkt, die sich an traditionellen Werten orientieren wie Pflichterfüllung, Ordnung und Familie. Hier gelten die Glaubenssätze der Kirche noch, die Bindung an die örtliche Kirchengemeinde ist eng. Man geht regelmäßig bis oft in den Sonntagsgottesdienst und wünscht sich eine gesellige, harmonische, »lockere«, nicht so moralisierend und politisierend daherkommende »Pfarrfamilie«. Die Glaubensunterweisung soll vor allem den eigenen Kindern »etwas bringen«. Gott ist der »gute Vater«, der es »regnen lässt über Gute und Böse«, wie Sellmann formuliert. Er ist der Schöpfer und Richter, für »Konservative« auch der Garant für Recht und Moral, das innerste Prinzip, das die Welt zusammenhält. – Gewonnen haben die Wissenschaftler diese Einsichten aus Tiefeninterviews mit 170 typischen Vertretern der einzelnen Milieus.
Bei den »Postmateriellen« – in der Studie als »aufgeklärte Nach-68er« bezeichnet –, ist die Kirche hier und da (noch) von Bedeutung. Diese Menschen aber möchten die Botschaft Jesu für sich selbst neu entdecken, die Kirche reformieren, von hierarchischen Bevormundungen und volkskirchlichen Traditionen befreien. Sellmann: »Dieses Milieu bildet den Kern der ›Kirche von unten‹.« Dort stehe man der Institution Kirche sehr kritisch gegenüber. Viele Hauptamtliche in der Kirche könnten diesem Milieu zugerechnet werden. Gott sei für diese Menschen meist »spirituelle Energie«, der »innere Kern«, das »Gute in mir und in dir«, die »Mutter des Anfangs und der Vollendung«. Die anderen Milieus stehen der Kirche laut Sinus-Studie eher skeptisch bis ablehnend gegenüber. Für die »Etablierten« – das sind die gesellschaftlichen Entscheidungsträger und Einflussreichen, bei denen Erfolgs- und Machbarkeitsdenken, Professionalität, Hierarchie, Leistung, Kompetenz und Stil besonders zählen – gilt die Kirche als Ort der »Bedenkenträger und Verlierer«. Die Kirche ist nicht ihre Welt. Gott ist der »große Unbekannte«, vielleicht so etwas wie ein »kosmisches Energiefeld«. Dieses Milieu bräuchte einen »Gott für Gewinner und Sieger – kann es den geben?«, fragt Sellmann.
Auch die »modernen Performer« à la Guido Westerwelle halten Abstand zur Kirche. Für diese Menschen sei die Kirche eine »Quasselbude«, in der immer nur von Nöten, vom Scheitern und der Kleinheit des Menschen geredet werde. Dieses Milieu setze auf Leistungseliten, Selbstmanagement, Selbstbewusstsein, Dynamik, Karriere und Markt. Die modernen Performer nehmen das Leben in seinen vielen Möglichkeiten als Herausforderung an. Wenn die Kirche sie darin nicht bestärkt, bleibt sie für diese Menschen uninteressant. Gott? Als Adressat des Dankes für Erfolg und Karriere: ja. Als Projektionsfläche für Jammern und Klagen: nein.
Zu den »Experimentalisten« zählen die Künstler-Typen, die extremen Individualisten, die »Lifestyle- Avantgardisten«, die es im Leben spontan haben wollen, die die Widersprüche des Lebens zelebrieren und ihren Alltag mitunter in unterschiedlichen Rollen gestalten: Tagsüber sitzen sie am Bankschalter, und abends schlüpfen sie virtuos in die »verrücktesten Rollen«. In ihren Augen verhindert die Kirche jede Kreativität, fehlen dort die echten Freaks. »Diese Leute kennen einfach niemanden, der in der Kirche ist.« Gott sei für sie positiv gesehen Geist oder Geheimnis – oder aber »ein anderer Ausdruck für die Machtfantasien der Kirche«, wie Sellmann erläutert.
Für die »Konsummaterialisten« – zu finden vor allem in den unteren Bevölkerungsschichten – sei die Kirche vor allem ein »sozial-karitativer Rettungsanker« immer dann, wenn die soziale Not zu groß geworden sei und alle Versuche, gesicherte soziale Verhältnisse zu erreichen, gescheitert seien. Die Kirche stehe für Taufe, Kommunion und Hochzeit und werde hier auch ganz selbstverständlich in Anspruch genommen.
»Was das Milieu der Hedonisten angeht, da bin ich wirklich ratlos«, sagt Matthias Sellmann. Denn dieses Milieu sei von der Kirche am weitesten entfernt. Hier würden alle Konventionen verweigert, das Spaßhaben stehe an erster Stelle, diese Menschen wollten schockieren und provozieren, sie suchten den Tabubruch und die totale Freiheit. Kirchenleute seien in den Augen der Hedonisten »Spießer«, Gott und Kirche nichts als »Spaßbremsen«.
Was folgt aus der Sinus-Studie, die zwar den Bischöfen schon seit dem letzten Herbst vorliegt, aber erst in Kürze bei der Medienleistungsgesellschaft zum stolzen Preis von 140 Euro erhältlich ist? Darüber wird derzeit in 17 der 22 Bistümer intern diskutiert. Matthias Sellmann plädiert dafür, die Kirchengemeinden zu entlasten und in der Fläche unterschiedliche kirchliche Zentren für verschiedene, vor allem mobile Milieus aufzubauen. In der Kirche selbst sei eine größere Bandbreite des Katholischen nötig, also mehr Vielfalt etwa auch in den liturgischen Angeboten, den unterschiedlichen Bedürfnislagen der Milieus entsprechend. Die Seelsorge müsse viel differenzierter erfolgen, die Vermittlung des Glaubens in Form und Inhalt auf die unterschiedlichen Milieus ausgerichtet werden. In der Firmkatechese könne er sich zum Beispiel ein Basisangebot für alle vorstellen und darauf aufbauende Bausteine, die sich auf die Erwartungen der verschiedenen Milieus beziehen. »Wir brauchen endlich Seniorenkirchen, Jugendkirchen, Familienkirchen, Intellektuellenkirchen«, so der Sozialwissenschaftler. Damit der Laden Kirche nicht auseinander fliege, brauche es dann aber auch ein integrierendes Element: In den Augen Sellmanns wäre das die Bistumskirche mit einer Art Corporate Identity.
Im Bistum Paderborn werden bereits erste Konsequenzen gezogen: Im Dekanat Emschertal (Herne/Castrop- Rauxel) will man neue pastorale Angebote auf der Basis des »Milieu-Handbuchs« kreieren.
Publik-Forum wird die Ergebnisse der Sinus-Studie in den nächsten Ausgaben weiter dokumentieren.
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