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Edith Stein
Edith Stein

Die Jüdin, Philosophin, Christin Ordensfrau und Märtyrerin Edith Stein (1891 – 1942) hat ihren festen Platz in der Erinnerungskultur der Stadt Münster und der Akademie Franz Hitze Haus. Zwar hat sie nur ein knappes Jahr in der Bischofsstadt verbracht, doch es war ein Entscheidendes: Im Januar 1933 wurde Adolf Hitler Reichskanzler und übernahmen in den folgenden Monaten die Nationalsozialisten die totale Macht in Deutschland. Auch Edith Stein fiel dem Terror später zum Opfer.

Doch wer war diese bemerkenswerte Frau, die ihre Spuren bis heute hinterlassen hat?

Geboren wurde sie 1891 in Breslau als Kind einer bürgerlich-jüdischen Familie. Die intelligente und aufgeweckte junge Frau verlor um die Zeit des Abiturs ihren (jüdischen) Glauben; ihr Studium in Breslau ab 1911 (Germanistik und Geschichte) und später in Göttingen (Philosophie und Psychologie) absolvierte sie als bekennende Atheistin. Sie promovierte bei dem bekannten Philosophen Edmund Husserl über das „Problem der Einfühlung“ in der Philosophie. Obgleich hochbegabt, hat sie sich nie habilitiert – in den 20er Jahren war die Möglichkeit, als Frau eine Professur übernehmen zu können, mehr als unwahrscheinlich.

Die Fragen nach dem Sinn und Zweck des (eigenen) Lebens blieben – ein Buch eröffnete Edith Stein einen völlig neuen Horizont: Die Lektüre einer Biographie über die Mystikerin Teresa von Avila führte sie zum christlichen Glauben. 1922 ließ sich Edith Stein taufen. Das „Kind des jüdischen Volkes“ war nun „durch Gottes Gnade ein Kind der Katholischen Kirche“, wie sie 1933 schrieb.

Nach verschiedenen Lehraufträgen kam Edith Stein im Februar 1932 nach Münster und blieb bis Juli 1933. Als Dozentin am „Deutschen Institut für wissenschaftliche Pädagogik“ hielt sie u. a. Vorlesungen zu Fragen der Mädchenbildung, Sexualethik und der Rolle der Frau in moderner Gesellschaft.
Im Frühjahr 1933 kam es zu ersten Ausschreitungen gegen jüdische Mitbürger (staatlich organisierter Boykott jüdischer Geschäfte). Edith Stein verlor als geborene Jüdin nach nur 2 Semestern ihre Dozentur.
Doch sah sie dem Treiben der Nationalsozialisten nicht tatenlos zu: 2003 wurde ein Brief entdeckt, den sie wohl Anfang April 1933 an Papst Pius XI. geschrieben hat. Darin beschreibt sie die antisemitischen Maßnahmen des Regimes und macht die hellsichtige Vorhersage: „Ich bin überzeugt, dass es sich um eine allgemeine Erscheinung handelt, die noch viele Opfer fordern wird.“ Schuldig seien nicht nur die Täter, sondern auch „die, die dazu schweigen“ – also auch die Kirche, wenn sie untätig bleibt. Sie fährt fort: „Seit Wochen warten und hoffen nicht nur die Juden, sondern Tausende treuer Katholiken in Deutschland – und ich denke, in der ganzen Welt – darauf, dass die Kirche Christi ihre Stimme erhebe, um diesem Missbrauch des Namens Christi Einhalt zu tun.“
Edith Stein hatte diesen Brief über den Erzabt von Beuron, P. Raphael Walzer OSB, nach Rom gesandt. Entdeckt wurde kürzlich die Antwort des damaligen Staatssekretärs Eugenio Pacelli an Erzabt Walzer vom 20. April 1933, in dem er bestätigt, das Begleitschreiben Walzers nebst Anhang (also den Brief Edith Steins) dem Papst vorgelegt zu haben. Bezeichnenderweise aber geht Pacelli nicht auf die Verfolgung der Juden in Deutschland ein – im Fokus steht hier allein die „hl. Kirche“, die Gott „in diesen schwierigen Zeiten…in Seinen besonderen Schutz nehme(n)“ wolle.

Allerdings: Was Edith Stein und andere aus Deutschland zu berichten wussten, floss 1937 ein in die Enzyklika „Mit brennender Sorge“, mit der Papst Pius XI. den nationalsozialistischen Rassismus anprangerte.

Edith Stein rang unterdessen um ihre persönliche Berufung. Im Frühjahr 1933 entschloss sie sich (nach intensivem Gebet in der Ludgerikirche) zum Eintritt in den Kölner Karmel. Edith Stein beschreibt, wie sie zu ihrer Entscheidung kam:
„Aber nun waren ja die hemmenden Mauern eingestürzt. Meine Wirksamkeit war am Ende (…) Am 30. April 1933 – es war der Sonntag vom Guten Hirten – wurde in der Ludgerikirche das Fest des heiligen Ludgerus mit 13-stündigem Gebet gefeiert. Am späten Nachmittag ging ich dorthin und sagte mir: Ich gehe nicht wieder fort, ehe ich Klarheit habe, ob ich jetzt in den Karmel gehen darf. Als der Schlußsegen gegeben war, hatte ich das Jawort des Guten Hirten.“
So wurde aus der Philosophin Dr. Edith Stein im Oktober 1933 die Ordensfrau Schwester Teresa Benedicta a Cruce. 1938 verließ sie Deutschland in das scheinbar sichere Kloster der Karmelitinnen in Echt. Doch im Mai 1940 besetzten deutsche Truppen die Niederlande. Edith Stein wurde – zusammen mit ihrer Schwester Rosa – im Juli 1942 verhaftet und am 9. August 1942 in Vernichtungslager Auschwitz ermordet. Als Tochter des jüdischen Volkes und gläubige Christin ging sie in den Tod.

Papst Johannes Paul II. hat Edith Stein 1987 selig- und 1998 heiliggesprochen.

Edith Stein hat Spuren hinterlassen und ein Leben gelebt, dass auch heute noch fasziniert: Eine Frau, die selbstbewusst nach ihrer Rolle (und der aller Frauen) in der modernen Gesellschaft fragt. - Eine wache Intellektuelle, die das geistige und politische Geschehen ihrer Zeit wahrnimmt und engagiert Stellung bezieht. – Eine Suchende und Fragende, die sich nach ernstem Ringen von Gott gefunden und geliebt weiß. – Eine Jüdin, die ihrem Volk treu bleibt und aus innerster Überzeugung Christin wird. Und damit: Eine Brückenbauerin für die Beziehung von Judentum und Christentum heute.

In besonderer Weise fühlt sich die Akademie Franz Hitze Haus Edith Stein verbunden: Die Hauskapelle trägt ihren Namen. Dort ist ein Ort, der dazu einlädt, wie Edith Stein nach Gott zu fragen und ihn zu suchen. Und die Akademie als Ganze ist ein Forum, auf dem der christliche Glaube in einen fruchtbaren Dialog mit der „geistigen Situation der Zeit“ (Karl Jaspers) tritt. Auch dafür kann Edith Stein noch immer Vorbild sein.

Dr. Martin H. Thiele, Geistlicher Rektor Akademie Franz Hitze Haus, Münster


Brief von Edith Stein an Papst Pius XI. aus dem Jahr 1933

Antwortschreiben des Vatikans (Staatssekretär Pacelli) vom 20. April 1933